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Spätestens 2026 sollte allen klar sein: KI ist hier, um zu bleiben. Ich bin zwar noch nicht so sicher, wie positiv diese Entwicklung tatsächlich ist, aber ChatGPT & Co. sind definitiv auch in der Welt der Ernährungsberatung angekommen. Und letzte Woche wurde ich von der SonntagsZeitung / Tages-Anzeiger angefragt, meine Einschätzung dazu zu geben. Den daraus entstandenen Artikel findest du HIER.

Offensichtlich versuchen immer mehr Menschen mit KI abzunehmen – vielleicht auch du. Höchste Zeit also, dass ich mich auch in meinem Blog diesem Thema widme.

In diesem Artikel teile ich meine Sicht und Erfahrung: Wie hilfreich ist ChatGPT beim Abnehmen wirklich? Wenn du die Frage aus dem Blogtitel möglichst schnell beantwortet haben willst, kannst du runterscrollen und bei „Vorteile“ einsteigen. Wenn du dir aber nicht nur Infos, sondern vor allem Klarheit wünschst, empfehle ich dir, ab hier weiterzulesen.



Was bedeutet Abnehmen?

Die meisten Menschen würden sagen: Abnehmen heisst Gewicht verlieren. Idealerweise Fettmasse. Also schlanker werden. Das ist nicht falsch.


Aber als Ernährungsberater reicht es nicht, nur über das gewünschte Ergebnis zu sprechen. (Und sinnvollerweise umfasst das Ziel auch mehr als nur die Zahl auf der Waage: Gesundheit, Energie, Wohlbefinden, Alltagstauglichkeit, aber das ist ein anderes Thema).


Wenn ich beruflich Menschen dabei begleite, abzunehmen, dann muss ich vor allem eines verstehen: Wie kommt man da hin? Darum betrachte ich „Abnehmen“ nicht als Resultat, sondern als Verhaltensänderung. Denn nur so kann ich mir diese entscheidenden Fragen stellen:

  • Welche Verhaltensänderungen braucht es für dich persönlich, damit du (langfristig und ausgewogen) abnimmst?

  • Was brauchst du, damit du diese Verhaltensänderungen auch wirklich schaffst?

  • Was kann ich als Ernährungsberater tun (oder du selbst), um dich dabei zu unterstützen?

Und wenn ich nach KI beim Abnehmen gefragt werde, frage ich mich deshalb: Welches Potenzial hat KI, um deine Verhaltensänderung zu unterstützen?


Warum erreichen manche Menschen ihre Abnehmziele und andere nicht?


Es gibt in der Gesundheitspsychologie ein sehr hilfreiches Modell, um besser zu verstehen, was es braucht, damit Menschen ihr Gesundheitsverhalten verändern (also auch, um abzunehmen). Eigentlich ist das etwas, das sich Fachpersonen in Weiterbildungen anschauen. Das bespreche ich normalerweise nicht so mit meinen Klient:innen.

Aber: Einer der Gründe, warum KI problematisch sein kann, ist, dass du vielleicht gar nicht genau weisst, was es fürs Abnehmen wirklich braucht und die KI dadurch auch nicht sinnvoll nutzen kannst. Darum lohnt es sich, wenn wir das HAPA-Modell kurz anschauen (siehe Grafik):

  • Absichtsbildende Phase: Du formst eine Absicht, z. B. „Ich will abnehmen“. Ob daraus wirklich eine klare Absicht wird, hängt u. a. von deiner Selbstwirksamkeit ab. Also ob du glaubst, dass du es schaffst. Wenn du denkst „5 Portionen Gemüse schaffe ich eh nie“, bleibt es oft beim Wunsch, ohne konkreten Entschluss.

  • Umsetzungsphase: Wenn du eine klare Absicht hast, z. B. „Ich nehme im Januar ab“, wird daraus idealerweise ein konkreter Plan: „Morgen kaufe ich auf dem Weg zur Arbeit statt einem Schoggi-Gipfeli ein Joghurt und eine Banane.“

  • Dranbleiben: Ob du den Plan wirklich umsetzt, hängt stark von Ressourcen und Barrieren ab: Zeit, Geld, Familie, Beruf, Gesundheit, Wissen, praktische Skills. Je nachdem machen sie es leichter oder schwerer, dranzubleiben.



Okay – das war jetzt mein Versuch, dir mit möglichst wenig Wörtern einen groben Überblick zu geben. Natürlich ist das allgemein, und Themen wie emotionales Essen sind im HAPA-Modell für ungeübte Augen nicht sofort sichtbar. Und nein: Es ist nicht so, dass du jetzt einfach mit dem HAPA-Modell abnehmen kannst. Aber ich finde es wichtig, um KI gut einordnen zu können.



Vorteile von KI im Vergleich zur Ernährungsberatung


  • Bessere Info-Qualität als das, was die meisten machen: Wenn wir bedenken, dass die meisten Menschen nicht in eine Ernährungsberatung gehen und keine Lust/Zeit haben, um stundenlang in Google oder Büchern zu recherchieren, ist KI oft klar besser als Social Media oder die letzte News-Headline aus deinem E-Mail-Portal.

  • Hoher Komfort: Ein Chatbot kann (je nach Nutzung) personalisierte Antworten geben und ist ständig verfügbar. Das ist gerade dann sinnvoll, wenn du z. B. beim Einkaufen bist und eine Frage zu einem Lebensmittel auftaucht. Ein Ernährungsberater wäre dann im Feierabend.

  • Praktisch bei klar definierten Aufgaben im Alltag: Einkaufslisten, grober Protein-Check, Menüideen für Restenverwertung, Umrechnen von Rezepten usw.

  • Eventuell hilfreich als „Denkpartner“: Einige Klient:innen berichten mir, dass sie Unsicherheiten oder Zweifel mit einem Chatbot besprechen, um mehr Klarheit zu bekommen. Das kann hilfreich sein – wenn man die KI sinnvoll nutzt und nicht blind vertraut. Und vorallem auch berücksichtigt, dass KI kein Ersatz ist für Freunde und Familie, mit denen man sprechen kann, wenn es einem nicht gut geht.


Nachteile von KI im Vergleich zur Ernährungsberatung

  • Ohne gute Fragen gibt’s keine guten Antworten (und das wird schnell unkomfortabel): KI-Antworten stehen und fallen mit deinem Prompt. Damit es wirklich passt, müsstest du oft viele Details liefern (Alltag, Ziele, Vorlieben, Abneigungen, Gesundheit, Medikamente, Lebensstil). Das ist mühsam und führt direkt zum nächsten Punkt.

  • Datenschutz & sensible Gesundheitsthemen: bitte vorsichtig: Offiziell heisst es von OpenAI zwar, sensible Daten seien geschützt. Ob, wie lange und wofür Daten gespeichert werden, ist für normale Nutzer:innen aber schwer zu beurteilen. Ich persönlich würde keine sensiblen Gesundheitsdaten in einen Chatbot schreiben. (Am Ende ist es eine Vertrauensfrage und alleine deine Entscheidung.)

  • KI kann überzeugend falsch liegen (Halluzinationen, Quellen, Mythen): Chatbots können Fakten erfinden oder zu sicher formulieren. Und selbst wenn du „evidenzbasiert“ verlangst, können Quellenangaben fehlerhaft, erfunden oder unpassend sein. Das ist problematisch, weil du eigentlich ständig gegenchecken müsstest. Und wenn du dich im Thema nicht auskennst, ist genau das extrem schwierig.

    KI liefert oft „korrektes Mittelmass“ und manchmal auch klassische Ernährungsmythen, wie z. B. „Früchte erhöhen das Diabetes-Typ-2-Risiko“ (das Gegenteil ist der Fall). Wenn man sich in wissenschaftlicher Arbeit auskennt, kann man KI auch für Recherchen nutzen. Aber ohne Vorwissen ist es fast nicht möglich, die Qualität der Informationen wirklich zu beurteilen. Deshalb empfehle ich Personen, bei denen es wichtig ist, dass die Infos stimmen, immer auch eine Fachperson aufzusuchen (z. B. bei Krankheit oder Schwangerschaft).

  • Komplexe Realität ≠ KI-Stärke (Pläne, Rezepte, viele Faktoren): Ich dachte am Anfang: „KI hilft uns, alles zu berücksichtigen.“ In der Praxis verliert sie aber schnell den Überblick, sobald mehrere Ansprüche gleichzeitig erfüllt werden sollen, gerade bei Ernährungsplänen oder Rezepten. Ich habe das sehr konkret getestet: Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, meine wichtigsten Anforderungen an ein Rezept schriftlich zu sammeln. Am Ende waren das locker um die 50 Kriterien (von Geschmack und Esskultur über Saison und Zutatenverfügbarkeit bis zu Nährwerten, Alltagstauglichkeit und Umwelt). Und selbst mit dieser Vorlage als Prompt war die Qualität am Schluss ziemlich enttäuschend. Ja: KI-Rezepte können fürs Brainstorming okay sein, aber sobald du mehr willst als „Gemüsepfanne“, wird’s oft unpassend.

  • Info-Overload: Mehr Infos fühlt sich wie Fortschritt an, ist es aber nicht unbedingt: Viele Menschen sind bei der Ernährung sowieso schon im kompletten Information-Overload. Und KI kann das verstärken, weil es so leicht ist, noch eine Frage zu stellen, noch eine Optimierung zu verlangen, noch ein Detail auszudiskutieren.

    Das fühlt sich im Moment aktiv an („Ich bin dran!“), kann aber unbewusst dazu führen, dass du die eigentliche Veränderung aufschiebst. Wenn du dir das HAPA-Modell anschaust: Hilft dir diese Info wirklich bei der Umsetzung? Stärkt sie deine Selbstwirksamkeit oder reduziert sie Barrieren? Oder sammelt sie einfach nur mehr Wissen an, ohne dass du in die Umsetzung kommst?

  • Die grösste Schwäche der KI fürs Abnehmen: Umsetzung, Verbindlichkeit, Beziehung: Abnehmen ist ein längerer Prozess. Ein Chatbot fragt dich morgen nicht proaktiv: „Wie lief’s? Was war der Stolperstein? Was brauchst du jetzt?“ Und er stellt dir auch nicht ungefragt die unangenehmen (aber manchmal nötigen) Fragen.

    Dazu kommt: In der Ernährungsberatung wirken Dinge, die über die reine Informationsvermittlung hinausgehen: Verbindlichkeit, Motivation klären, Ressourcen aktivieren, Umsetzung begleiten. Gemäss den Wirkfaktoren nach Grawe ist die menschliche Beziehung einer der wichtigsten Faktoren in einer therapeutischen Zusammenarbeit, wichtiger als die eigentlichen "Methoden und Strategien". Die Ernährungsberatung ist zwar keine Psychotherapie, weil es eigentlich nicht um psychische Probleme geht, aber sie ist auch nicht komplett anders, was die Wirkungsweise anbelangt.



Wo KI im Prozess wirklich hilft (und wo nicht)

Wenn Abnehmen eine Verhaltensänderung ist, dann ist die entscheidende Frage nicht: „Ist die KI schlau?“ sondern: „Bringt mich diese KI-Unterhaltung im HAPA-Modell wirklich weiter?“

  • Absichtsphase (Selbstwirksamkeit): KI kann helfen, wenn sie dir Klarheit gibt und deine Absicht realistischer macht („Okay, das ist machbar“). Sie kann aber auch schaden, wenn du danach verwirrter bist oder das Gefühl hast, es sei alles kompliziert. Dann sinkt die Selbstwirksamkeit.

  • Planung: Hier ist KI oft stark bei: Menüideen, Einkaufslisten, grobe Protein-Checks usw. Aber auch hier würde ehrlich gesagt ein Ernährungsberater/in mehr rausholen, indem gefragt wird: Was könnte bei der Umsetzung schwierig werden?

  • Umsetzung: Hier liegt die Hauptgrenze: KI kann dir zwar gute Ideen liefern, was du konkret wie tun kannst. Aber die KI wird nicht herausspüren, ob das bei dir viel Druck auslöst. Wenn dir etwas nicht gelingt, wird dich die KI auch nicht gleich stark wieder "aufpeppeln" können. Einfach weil du halt weisst, dass da eine Software mit dir spricht. Es ist ganz etwas anderes, wenn du diesen Frust mit einem Menschen teilen kannst, der dich auffängt und inspiriert, die Situation konstruktiv zu nutzen.

Wenn du KI also nutzen willst, nutze sie wie ein Werkzeug: für konkrete Aufgaben, nicht als Ersatz für eine Fachperson.



Mit diesen 3 Fragen nutzt du ChatGPT konstruktiver

Ich kann dir keine genauen Prompts geben. Dazu müsste ich wissen, wo du aktuell in deinem Prozess stehst. Aber, diese drei Fragen sind sehr hilfreich, um dich immer wieder zu fragen, ob die KI-Unterhaltung noch Sinn macht:

  1. Vor dem Chat: „Welche Fragen habe ich an die KI und was braucht es, damit ich das Gefühl habe, sie sind beantwortet?“ → Schreib dir die Fragen in eine separate Notiz. Und die Antworten gleich dazu. Alles beantwortet? Zeit für einen Spaziergang.

  2. Während dem Chat: „Fühlt sich mein Vorsatz durch die Unterhaltung realistischer, machbarer an?“ → Falls nein: Deine Selbstwirksamkeit nimmt Schaden. Gar nicht gut.

  3. Nach dem Chat: „Habe ich mehr Klarheit oder bin ich verwirrter?“

    → Wenn du nach dem Chat verwirrter bist: Stopp. Dann war’s wahrscheinlich eher Info-Overload als Hilfe.



Fazit


KI kann dir beim Abnehmen helfen, solange du sie als Werkzeug benutzt und nicht das Denken abgibst. Nutze sie am besten für klar eingegrenzte Aufgaben, nicht für einen 5-Jahres-Masterplan. Und wenn Krankheit, Schwangerschaft oder komplexe Themen im Spiel sind: Bitte nicht allein auf KI verlassen.


Meiner Meinung nach schliessen sich KI und Ernährungsberatung nicht aus. Im Gegenteil: Es kann sich richtig gut ergänzen. Das zeigt zum Beispiel auch diese Studie, die zum Resultat kommt: "Mit Technologie alleine werden die Gewichtsziele schlechter erreicht als mit einer Kombination aus Fachperson und Technologie."


Abnehmen ist hart. Warum also nicht alle Tools nutzen, die dir zur Verfügung stehen?

Ich habe z. B. einen Klienten, der alle paar Monate einen Termin macht und dazwischen gezielt KI nutzt. In den Terminen können wir dann die KI-Antworten gemeinsam einordnen und die Aspekte ergänzen, die bei einem Chatbot fehlen, um langfristig gesund abzunehmen.


Wenn du willst, schauen wir das gemeinsam an: Wo stehst du gerade? Welche Veränderung wäre für dich realistisch? Und was brauchst du, damit du in die Umsetzung kommst? Hier kannst du ein kostenloses, online Kennenlern-Gespräch für meine 1:1 Ernährungsberatung buchen: Termin auswählen

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Kann ich mit ChatGPT abnehmen?

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28. Februar 2026
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